Wissenswertes über das lhmezentrum (IZ), aufgeschrieben von Marianne Adrian

(verfasst im Herbst 1998, in der Gesamtfassung nachzulesen im Linden-Limmer-Buch von 1998)

Mit dem folgenden Beitrag möchte die Autorin, als Bewohnerin des lhmezentrums und als Architektin, Wissenswertes über ihr Stadtviertel zusammentragen.

Man sieht nur, was man weiß. Über das lhmezentrum weiß man allenfalls, dass es aus Beton ist, "öde und grau", ein "Betonklotz", "menschenunwürdig". Man liest von "Anonymität" und Schlimmerem. Misserfolg im Ladenbereich scheint zu bestätigen, was man ohnehin zu wissen glaubt: hier wurde eine Missgeburt von "Ladenzentrum" hingeklotzt.

Wer hat geklotzt? Warum wurde geklotzt? Und wie ist zu erklären, dass 2 bis 3000 Menschen dort freiwillig wohnen und auch noch behaupten, an "ihrem Betonnest" zu hängen? Die letzte Frage ist einfach zu beantworten: 

Das lhmezentrum ist eben kein Ladenzentrum, sondern ein buntes Stadtviertel im Stadtteil Linden.

Dort lässt sich trefflich wohnen, die Büros funktionieren, Einrichtungen wie Kindertagesstätte, Kindergarten, Begegnungsstätte oder Volkshochschule ebenso. Und bei den Läden stellt sich die Frage, ob ihre Eigentümer hier Kapitalverwertung ohne Verantwortung suchten. Sie wussten doch, dass alle anderen, im wörtlichen und im übertragenen Sinn, auf den unteren Teil des gemeinsamen Bootes bauen würden.

Fakten, Daten, Entstehungsgeschichte

Das lhmezentrum wurde von einem privaten Investor bzw. von den ihn finanzierenden Banken auf weitgehend brachgefallenem Lindener Industriegelände über einer geplanten U-Bahnstation errichtet. Verwirrung stiftete, dass ein privates Vorhaben auf so weitgreifenden städtebaulichen Plänen fußte Manche glauben noch heute, nicht der 'freie Markt' sondern 'die Stadt' habe hier 1965-1975 zugeschlagen.

Die Stadt hatte die Grundstücke Zug um Zug zusammengekauft, um Neunutzung zu ermöglichen. Ein verwaltungsinterner Wettbewerb brachte 1966/67 Ideen für eine bauliche Disposition. Die Vorschläge des 1. Preises wurden nach weiterer Bearbeitung Grundlage für die Suche nach einem geeigneten lnvestor. Der Entwurf sah weitaus geringere Baumassen vor, ebenerdige Zugänge, weitgehende Öffnung zur Ihme und ein bescheidenes Kontingent an Läden. Gutachten hatten nämlich ergeben, dass nur geringer Bedarf an Verkaufsflächen bestehe.

Auf der Suche nach lnvestoren setzten sich Rat und Verwaltung über Bedenken vor allem aus der Bauverwaltung hinweg und entschieden sich für das Projekt der Citybau KG, Architekten Kloß und Kolb. Es enthielt enorm angewachsene Verkaufsflächen (66 000 qm), eine hochliegende Fußgängerebene und ein um das Zweieinhalbfache vergrößertes Bauvolumen. Die Citybau legte dazu ein Nutzungskonzept, ein Eigentumskonzept, sowie ein von zwei angesehenen Landesbanken bestätigtes Finanzierungskonzept und eine komplette Liste mit Vorverträgen für die Läden vor. Die Bewerber um die vielen Verkaufsflächen waren alteingesessene hannoversche Geschäftsleute.

Die Entscheidung für die Citybau ist zu erklären aus dem Vertrauen in die Professionalität und in die Redlichkeit des Investors und seiner Finanzierungsinstitute. Ein weiteres Brachliegen der Grundstücke und der städtischen Gelder war wahrscheinlich keine überzeugende Alternative, sich bewerbende Investoren verlangen immer größtmögliche Verkaufsflächen und deren Ausnutzung. Die Entscheidung ist auch zu erklären aus Zeitgeist, den Rahmenbedingungen und Leitbildern der 60er Jahre.

Zwischen 1965 und 1975 herrschte nicht nur in Hannover ungeheure Aufbruchsstimmung. Neues wagen hieß die Devise. Ausgedient hatte der Wahlslogan „keine Experimente". Es durfte nachgedacht, verändert und infragegestellt werden "Weiter so Wohnen wie gewohnt?"

Das Ihmezentrum ist ein Experiment. Es ist legitimes Kind einer kurzen Zeit, in der alles möglich schien: U-Bahnbau und Stadtumbau, Städtebauförderungsgesetz und Sanierung, Komplexe Großprojekte, Fußgängerstraßen und Modernisierung. Die Schlüsselworte dieser Zeit hießen: "Stadtpolitik" und "Experimenteller Städtebau". Es sollte Jahre dauern, bis das in den 60ern Begonnene zuende gebracht war.

Zur Erinnerung - 1965: Start durch U-Bahnbeschluss; Fußgängerverbindung Kröpcke Weißekreuzplatz; 1969: Aktion Altstadt: Fußgängernetz, Sanierung, Altstadtfeste, Flohmarkt, Straßenkunstprogramm; 1970: Innenstadtkonzept, Großkomplexe als Entwicklungsschwerpunkte über U-Bahnstationen. Zeittypische Stichworte: neue Museen, experimentelles Theater, Bildungsreform, Gesamtschulen, Medizinische Hochschule und Erschließung des letzten großen Neubaustadtteils Roderbruch, der mit der U-Bahn an die Innenstadt herangeholt werden sollte. Gebiets- und Verwaltungsreform.

Stadtbaurat seit 1948 war Prof. Rudolf Hillebrecht. Unter ihm wurden der Wiederaufbau und die Anlage der 4 Neuen Stadtteile (1957-1965) bewältigt, 1960 das Regionalstadtmodell entworfen, „Städte verändern ihr Gesicht", 1965 die U-Bahn und der Stadtumbau in Angriff genommen. Triebfeder wurde Martin Neuffer, seit 1963 Oberstadtdirektor. Sein 1970 erschienenes Buch 'Städte für alle' lässt nicht nur beim Schutzumschlag ans Ihmezentrum denken.

In Hannover standen Entscheidungen für oder gegen völlig unbekannte Bauformen an, z. B. die über dem U-Bahn-Kreuz Kröpcke angedachte private Einzelhandelsgalerie mit innenliegender öffentlicher Halle. Rat und Verwaltung reisten 1970 nach Amerika und Kanada, um "Komplexbebauung" kennen zu lernen; anschließend gaben sie grünes Licht für die lnvestoren der Großkomplexe. Nicht einmal 5 Jahre später, 1975, hatte ein radikaler "Wertewandel' alles verändert. Beton war plötzlich mega-out.

Das Ihmezentrum wird verständlich im Gesamtkonzept dieses Stadtumbaus. Zu Beginn der 60er Jahre brachten neue Rahmenbedingungen (höhere Ansprüche, Strukturwandel, Motorisierung u.a.) neue Probleme: Wohnungsnot, neue Stadtteile ohne Nahverkehrsanbindung, Grüne Witwen, Pendlerströme, Verkehrschaos, Mängel und Missstände in älteren Stadtteilen, Mangel an guten innerstädtischen Wohnlagen, Verlust von industriellen Arbeitsplätzen, citynahe Brachflächen, Mangel an guten Bürostandorten. Schreckensbeispiele aus Amerika zeigten, wie Städte aussehen, die man dem freien Spiel der Kräfte überlässt.

In Hannover entschloss man sich zu "Stadtpolitik" Es wurden Ziele formuliert und Rahmen für private Entwicklung abgesteckt, so wie das in der historischen Stadt seit dem Mittelalter üblich war. Als Rahmen galt fortan: U-Bahnbau, bauliche Verdichtung nur an deren Stationen (Kröpcke, Raschplatz, Ihmezentrum, Laher Berg, Roderbruch); Fußgängerstraßen in den dichten, citynahen Wohngebieten; Sanierung, Modernisierung, Nutzungsmischung, wo immer die Möglichkeit bestand.

Mit dem Bau des Ihmezentrums wurde eine Industriebrache wiederverwertet, ein stadtnaher, gut mit Infrastruktur ausgestatteter Standort für Wohn- und Büronutzung erschlossen. Im Überschwemmungsbereich der Ihme sollte ein Bootshafen ausgebaut, die Calenbergerstraße zu einem angenehmen Weg in die Innenstadt umgebaut, beiderseits des Flusses Wege angelegt nach Herrenhausen, Ricklingen, Döhren, in die südliche Leineaue werden. Viele dieser Ziele wurden verwirklicht.

Bauliche Struktur

Das lhmezentrum ist keine herkömmliche, sondern eine komplexe Bebauung. Die Haustüren der 27 Wohn- und Bürohäuser liegen nicht an städtischen Straßen, sondern an privaten, internen Wegen. Eine solche "Stadt in der Stadt - Struktur" bringt Vorteile und Nachteile. Die Vorteile kann man schlagwortartig mit "Stadt der kurzen Wege" umreißen: Enge Nutzungsmischung von ruhigem Wohnen mit Arbeitsplätzen und Versorgungseinrichtungen dicht am Öffentlichen Nahverkehr, vor der Haustür ungefährdete Fußgängerbereiche, Grünräume, kurze Wege zur Innenstadt und nach Linden; 2500 Parkplätze die über Aufzüge mühelos zu erreichen sind.

Zu den Nachteilen dieser komplexen Baustruktur gehört, dass grundlegende Umbauten kaum möglich sind. Das liegt an baulichen Festlegungen, die in mehreren Ebenen dreidimensional miteinander verflochtene Nutzungen mit vielen Verknüpfungspunkten sind nur unter hohen Kosten neu organisierbar. Die mit der baulichen Struktur zusammenhängende Eigentumsordnung erschwert außerdem jeden Umbau. Die Ladennutzung selbst trägt nicht unerheblich zu den Schwierigkeiten bei, ihre schnell wechselnde "Ladenmode", ihre sich seit 1974 ständig verkürzenden "Verfallsdaten" lassen sich bei wachsendem Flächenanspruch kaum mehr in der normalen Stadt, geschweige denn in einer komplexen, verdichteten Struktur verkraften.

Zusammenfassend: In der Komplexstruktur des Ihmezentrums liegen besondere Qualitäten aber auch spezifische Probleme.

Innere Organisation

Für das schwierige "Betreiben" eines so komplizierten Gebildes ist im wesentlichen ein gewählter Verwalter mit einem Stab von Mitarbeitern zuständig. Ihn berät der 9-köpfige Verwaltungsbeirat. Es erwies sich bald, dass eine zusätzliche innere Organisation nötig war, um unerwartete Probleme zu lösen.

Am Anfang standen "Selbsthilfegruppen" zur Bewältigung der Baustellenzustände. Die Schwierigkeiten eskalierten über Gebühr dadurch, dass die Citybau in Beinahekonkurs ging, so dass die Hochbauten mit unfertigen Betonfassaden standen, Restfertigstellung und Mängelbeseitigung unterblieben, Prozesse gegen Makler geführt, um Eintragung in die Grundbücher gekämpft werden musste. Etliche Wohnungen waren mit überhöhten Hypotheken belastet, es wurden Modelle entwickelt, wie sie abgelöst werden konnten. Diebe aus der ganzen Stadt klauten nachts Waschbecken und Heizkörper, die am Tag vorher in halbfertige Wohnungen eingebaut worden waren. Rowdies machten sich einen Spaß daraus, Feuerlöscher von Dächern herunterzuwerfen. Die Medien überschlugen sich. Nachdenkenswert ist, dass dieser Vandalismus nicht den Vandalen, sondern dem "Betonklotz" angelastet wurde.

Aber: Nachbarn tranken abends ihr erstes Bier miteinander und verscheuchten anschließend die Penner und Spanner aus noch nicht abschließbaren Häusern. Im Ihmeplatz 8 wurden gewählte "Sprechergremien" erfunden, die für ihre Häuser und als Gesamtsprecher bis heute funktionieren. Dort wurden Informationen und Erfahrungen ausgetauscht, Meinungsbildungsprozesse angeschoben. Das Haus Spinnereistraße 1 gründete die erste Parkgemeinschaft, dadurch ließen sich anfangs die Kosten für einen Parkplatz halbieren.

Gestaltungsbeirat oder Großer Bauausschuss werden nach Bedarf einberufen. Die Sprechergremien haben immer zu tun: Neue Anstriche, Briefkästen oder Wartungsverträge, Verkachelungen oder Sparlampen, Erneuerung von Flurbelägen oder Fenstern, Fassadensanierung oder Aufzugserneuerung. Seit kurzem versucht eine Art 'Sanierungskommission" mit Hilfe von Politikern aus Stadt und Land die Blockade beim Umbau des Ladenbereichs aufzubrechen.

Aber in den 23 Jahren, in denen das lhmezentrum bewohnt wird, hat es außer Ärger und Arbeit auch viele schöne Tage gegeben: Erleichterung, als am Küchengarten die Rampe entstand und ein Platz mit Bäumen und Grün (heute nur noch Gestrüpp) anstelle von Straßensalat und Kreisel. Ein Freudenfest, als endlich der Bauschrott an der lhme dem Kinderspielplatz weichen musste und Oberbürgermeister Schmalstieg die „Zwutsche" pflanzte, die heute ein prächtiger Baum ist; Jubel, als das Gerümpel auf der anderen Seite des Flusses abgebrochen, Wiese eingesät, Bäume gepflanzt und Uferwege ausgebaut wurden; Trubel, als hier das Turnerfest stattfand und eine schöne Zeit, als der Kirchentag zu Gast war. Da gab es einen Betriebsausflug der BLIZ mit dem Ihmedampfer; einen Tanz-Kaffeeklatsch, für den ein Salonorchester engagiert wurde, etliche Nachbarschaftstreffen am Ihmeufer, Laternenumzüge für die Kinder, Gesprächsrunden auf der Galerie oder später im Saal oder Bierstübchen der Hermann-Ehlers-Stiftung, Treffen in der St. Martins-Begegnungsstätte, Weihnachtsgesteckbasteln, Mutter und Kind-Gruppen, Treffen in den Räumen der Volkshochschule und lange Sommerabend auf vielen Terrassen und Balkons.

Schlussbetrachtung

Bisher wurden nur wenige, ziemlich wahllos herausgepickte Punkte vorgetragen, dazu aus subjektiv gefärbtem Gesichtswinkel. Es gäbe noch viel zu berichten z. B. über die Mischung verschiedener Wohnungstypen unterschiedlicher Größe, über Infrastruktur und Haustechnik, über Hausweise verschiedenes Sozialgefüge und Einflussfaktoren auf dessen Gemengelage.

Da es sich beim lhmezentrum um ein privates Bauvorhaben handelt, hat die für Experimente typische und erforderliche wissenschaftliche Begleitung nie stattgefunden. Pauschalkritik ersetzte Nachdenken, Lernen fand nicht statt. Bis heute weiß niemand, welche Ansätze richtig waren, welche falsch, was davon gelang und was, warum missriet. Immer noch wird nicht der Verstand, sondern der Geschmack bemüht, der sieht Beton und senkt den Daumen.

Das Ihmezentrum ist längst Städtebaugeschichte, ein durchaus wichtiges Denkmal der späten 60er Jahre. Nur wenige Bauten dieser Zeit werden dem Hass entkommen, der meint, über Hexenjagd auf Häuser oder Bücher deren Gedankengut vernichten zu können: Die Lektüre von Martin Neuffers "Städte für alle" sei wärmstens empfohlen.

Wer im lhmezentrum nur einen "Betonklotz" sieht, weiß zu wenig!

 

Hannoversche Allgemeine im März 1999

 

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